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CLUESO

“Ich bin mittelpunktssüchtig – aber mit Verzögerung.”

Wir treffen Clueso nach dem Soundcheck im Ampere in München. In einem kleinen Hinterzimmer trinken wir Kaffee. Er rührt seinen mit einem viel zu kurzen Bleistift um, der auf dem viel zu niedrigen Tisch vor ihm liegt und grinst dabei verschmitzt. Praktisch muss man denken. Doch so unbekümmert, wie er in diesem Moment wirkt, ist er nicht.
Der 28-Jährige sprach offen über die Entstehung seines neuen Albums „So sehr dabei“, wie er mit Kritik umgeht, dabei sich selbst treu bleibt und der ständigen Reibung sich weiter zu entwickeln.

 

SF: Dein 4. Album kommt bald heraus. Wie geht’s dir damit?

Clueso: Ich bin tierisch aufgeregt! Auf unseren Konzerten wollen wir natürlich so viele neue Sachen wie möglich spielen. Das ist krass, weil natürlich noch keine Sau darauf abgeht. Bis dato war „Gute Musik“ mein Lieblingsalbum und obwohl ich sehr kritisch bin ist es jetzt „So sehr dabei.“

 

SF: Wie bist du an die neue Platte rangegangen?

Clueso: Ich wollte Musik, bei der man nicht vor der Box kleben muss, abschalten kann, aber wenn man genau hinhört etwas entdeckt. Dabei wollte ich etwas Neues ausprobieren, denn ich finde es cool, wenn man sich nicht ganz sicher ist. Dadurch kommt man sich selbst näher.

 

SF: Was ist bei der Platte anders?

Clueso:Die Lyrik. Bislang habe ich wie bei „Chicago“ Geschichten erzählt, mit Anfang und Ende. Jetzt habe ich mich mehr an Songwriter, wie Bob Dylan orientiert. Ich habe teilweise auf Sätze gewartet, die drei Tage später in einem neuen Bezug zu dem Song stehen. „So sehr dabei“ ist begehbare Lyrik. Weniger chronologisch.

 

SF: „So sehr dabei“ klingt viel ruhiger, nachdenklicher.

Clueso: Ja, es ist eigentlich eine sehr ruhige, melancholische Platte. Die Interludes habe ich rausgelassen und es sind ein paar Visionen in Erfüllung gegangen. Wobei ich bei der Hälfte des Albums plötzlich extrem Zweifel hatte.

 

SF: Was waren das für Zweifel?

Clueso: Ich dachte, was ist das für eine Scheiße? Wenn ich wie die Beatsteaks einfach eine Rockband wäre, dann wüsste ich auch was zu tun ist.

 

SF: Du sagtest gerade, du hast Visionen umsetzen können. Welche denn?

Clueso:Es sollten sich alle Bandmitglieder wieder drin finden. Aber jeder war mit sich selbst beschäftigt. Wir waren völlig im Orbit. Aber dennoch dachte ich, das ist ein Zeitdokument, das raus muss. Wie bei „Gute Musik“, wollte ich etwas Befreites, Unbeschwertes. Ich wollte dieses freche Gefühl, etwas miteinander zu verbinden, das vorher nicht da war. Diese Vision hat funktioniert. Und, dass ich einfach die Texte aus mir habe heraus fließen lassen können.

 

SF: Welcher Song hat die spannendste Entstehungsgeschichte?

Clueso: „Gewinner!“ Ich saß bei Baris (Videoregisseur DVD Out of Space), um ein Treatment zu schreiben. Aber ich habe mich von einer Gitarre, die herumstand ablenken lassen. Als ich anfing zu dichten, fing er einfach auch damit an. Zuerst dachte ich, was willst du denn jetzt? Aber es war extrem cool. Er konnte sofort sagen, in welchen nächsten Raum wir gehen, den ich dann wieder beschreiben konnte. Er kann Leute dazu bringen, sich fallen zu lassen, wie sonst bei Schauspielern.

 

SF: Das heißt, du lässt beim Schreiben deinen Gefühlen erst mal freien Lauf?

Clueso: Während ich aus dem Bauch geschrieben und dann erst geguckt habe, was ist das jetzt für ein Gefühl, das ich beschrieben habe, hat er das sofort erkannt und konnte dann die Richtung lenken, die wir auch wieder brechen konnten.

 

SF: Welche Idee steht hinter „Gewinner?”

Clueso:Eine Art Floskeln aufzuschreiben, die im ersten Moment einfach klingen. Aber sie erst einen Sinn machen, wenn man sie mehrmals hört, dann gehen sie tiefer.

 

SF: Kann ich bestätigen. Gewinner musste ich mir sehr oft anhören.

Clueso: Das ist genau das Ding, das ist aber cool. Welche Gedanken hattest du, das würde mich echt interessieren!

 

SF: Die zwei Seiten einer Beziehung, oder auch Menschen, die dich nicht zu 100 % unterstützt haben. Nicht mit dir gegangen sind.

Clueso:Genau das spielt mit. Kommt ihr vorbei, sind wir nicht da. So diese Ignoranz, aber trotzdem geht man seinen Weg. Das ist genau das Ding. Das ist ja auch Quatsch, wenn Leute im Unterricht sitzen und versuchen Goethe auseinander zu nehmen. Dann ist er durch den Wald gelaufen und hat seine Schwester angerufen…(lacht)

 

SF: Oder ne sms geschrieben..

Clueso: (lacht) Genau, noch besser. Im Ernst, da kann jeder so viel Zeug hinein interpretieren. Aber was er wirklich meinte…wer weiß das denn schon. Das war sein Ding.

 

SF: Ist „Gewinner“ das Pendant zu Verlierer?

Clueso:Das ist ein Song, in dem es um das Ende einer Beziehung geht. Aber im Prinzip erwächst aus dem Verlust, etwas Neues.

 

SF: Und „Verlierer?”

Clueso:Da geht es um eine Beziehung, die eingefahren ist. Man kann nur verlieren,  wenn man nichts verändert. Deswegen Verlierer und Gewinner.

 

SF: Hattest du auch schon den Gedanken eine andere musikalische Richtung einzuschlagen?

Clueso:Es gibt Orientierung suchende Phasen, in denen du dich verformst. Meist passiert das, wenn du einen Blues hast. Dann versuchst du dich besonders schick zu machen. Obwohl da weniger mehr ist.So ist es auch in der Musik, ich schau in Phasen, in denen ich nicht mehr weiß, wo es hingeht, auf Leute. Kopier auch Sachen, probier das aus, um zu schauen, was es denn noch so gibt.

 

SF: „Keinen Zentimeter“ erinnert stark an Grönemeyer.

Clueso:Ja, vor der Grönemeyer-Tour hab ich viele Sachen geschrieben, die grönesk waren. Im Prinzip ist „Keinen Zentimenter“ auch eine Grönemeyer-Fasierung. „Mehr Tiefe, mehr Hinter-grund“ (singt). Es fasziniert mich, wie er das macht. Hab dann wieder losgelassen und wieder vercluest mit „yeahha“ (singt).

 

SF: Das heißt, du hattest eine Vorahnung?

Clueso:Erst danach kam die Anfrage von Grönemeyer. Das was man denkt, zieht man an. In dieser Richtung öffnen sich dann Türen – wenn man Glück hat. Wichtig sind da auch die Kumpels, die einen unterstützen. Deshalb gibt es Clueso auch immer mit Leuten im Sack. Und darum auch ist auch der Titel des Albums  „So sehr dabei“. Weil die Leute alle so sehr mit drin hängen.

 

SF: „So sehr dabei“ – den Song singst du aber in der Vergangenheit.

Clueso:Ja, bei mir sind es immer Phasen. Im Moment habe ich den Kampf, Ruhe hineinzubringen, in das, was ich tue. Ein bisschen gesetzter ranzugehen. Geh Partys aus dem Weg, weil ich zu sehr an dem Album drinhänge. Komm gut zu Recht, obwohl ich weiß, dass ich Sachen provoziere, um Texte zu schreiben.

 

SF: Du provozierst? Wie?

Clueso:Künstler ziehen das Chaos an. Dieser schöne Satz gilt auch für mich. Wir haben eine Zeit lang so eine ’nen Style gehabt. Wir haben beim Ausgehen einen über den Durst getrunken, bis ich unterm Tresen lag. Dann kamen Kumpels, die gesagt haben, komm lass uns mal auf eine Technoparty gehen, da kennt dich keiner. Hier quatscht der ganze Club: Cluesn is im Arsch. Das sind halt Phasen, in denen ich ausbreche vom Image des smarten Sängers. Genau dann schreibe ich auch gute Texte.

 

SF: Du singst auch „Sie fotografieren mich und denken ich merke es nicht.“

Clueso:Genau so Ausbrüche müssen auch mal in der Öffentlichkeit passieren, um einfach mal die Festplatte zu formatieren.

 

SF: Würdest du sagen, dass du nicht gerne im Mittelpunkt bzw. in der Öffentlichkeit stehst?

Clueso: Ich will es ja schon, sonst würde ich es ja nicht machen. Im Prinzip bin ich ja schon mittelpunktssüchtig, nur eben mit Verzögerung. Ich bin nicht der Typ, der reinkommt und den Raum für sich beansprucht. Sondern ich will erst mal kurz abchecken und dann langsam die Aufmerksamkeit auf mich ziehen.

 

SF: Und in Phasen, in denen es dir nicht gut geht?

Clueso:Wenn ich nicht mehr weiß, wo es langgeht und Leute auf mich zukommen, muss ich mir Gesten antrainieren. Fast wie ein Astronaut, der lange Zeit weg war, um zu kommunizieren. Das ist schon komisch. Und ich darf nicht alles zu persönlich nehmen.

 

SF: Aber du stehst viel auf der Bühne. Was geht dir dann durch den Kopf?

Clueso:Es gibt Tage, an denen ich mich frage, was wollen die denn überhaupt? Wenn ich mich in Erfurt bewege, ist alles völlig normal. Und dann stehe ich plötzlich auf der Bühne. Ich muss durch den Hintereingang in einen Raum gehen, in dem alle schreien. Das ist einfach faszinierend ich beobachte das viel mehr.

 

SF: Auf der Bühne wirkt es dennoch so, als würdest du komplett in deiner Musik aufgehen.

Clueso:Ja, ich mag es einfach mit meiner Band und den Leuten zusammen zu feiern. Alter, das ist dann der Moment, wo ich inne halte. Das ist genau das, was ich so geil finde. Eine feiernde Menge, die völlig weg ist und wir, die völlig weg sind. Danach gehe ich vielleicht in die Menge, gebe Autogramme, manchmal was trinken. Ein anschließendes Bad in der Menge ist echt cool, die aufgeilen und dann heimgehen.

 

SF: Wir würdest du deine Fans beschreiben?

Clueso:Ich habe ein wahnsinnig angenehmes Publikum. Es gab noch nie Beschwerden von Veranstaltern. Nur manchmal gibt es abends ein bisschen Alarm. Erst gestern zum Beispiel. In der ersten Reihe waren Leute, die die ganze Zeit „Kein Bock zu gehen“ gebrüllt haben und das einen ganzen Song lang. Das war schon krass.

 

SF: Das klingt nach Boygroup-Fans.

Clueso:Überhaupt nicht. Viele denken, dass meine Fans nur Teenis sind. Aber das ist absolut nicht so. Ich treffe dort immer viele coole Leute.

 

SF: An wem orientierst du dich im Musikgeschäft?

Clueso:Ich bin von Leuten wie Sting fasziniert, die ihren Weg im Einklang gehen aber auch von Jim Morrison, der vor die Hunde ging. Ist auch interessant, irgendwie cool.

 

SF: Du findest es cool, dass er vor die Hunde ging?

Clueso:Sagen wir so, ich versteh es. Diese Sucht des Exzessiven und dass einem der Teufel die Texte gibt.

 

SF: Wie schützt du dich vor solchen Gedanken?

Clueso:Ich lebe in der Kleinstadt und habe mein Umfeld, um mich nicht zu verbrennen. Ich habe mich für die Musik entschieden!

 

SF: „So sein wie du“ beschreibt einen echten Proleten. Wer oder was hat dich zu dem Song inspiriert?

Clueso: Diese ganzen Battles. Man braucht keinen dissen, wenn man ihn nicht leiden kann. Darüber Texte zu schreiben ist sinnlos. Die Energie kann man sich sparen. Trotzdem find ich es cool zu sagen, ich bin geil, nein im Ernst, zu sagen, dass ich mir Mühe gebe. Sein Ding zu platzieren ist manchmal einfach wichtig.

 

SF: So angriffslustig kennt man dich ja gar nicht.

Clueso:Das ist schon so ein Schuss in die Szene. Aber auch für die Fans, die meiner Meinung sind.  Die Leute sollten sich nicht damit hauptsächlich befassen, über andere Leute herzufallen. Du bist doch froh, wenn du eine Platte machst, die auch Sinn hat.

 

SF: Du sagst, du bist sehr nachdenklich. Gab es schon mal Kritik, die dich wirklich verletzt hat?

Clueso:Bei „Weit weg“ war ich nicht ganz zufrieden. Wenn du also einen Gedanken in dieser Ecke schon hattest und dann kommt einer und haut genau da rein, dann denkst du: Du Arschloch, verpiss dich!Wenn du aber niemals dahin gedacht hast, dann ist das auch egal.

 

SF: Hast du ein konkretes Beispiel, in der einer genau in dieselbe Ecke gedroschen hat?

Clueso:Mit Sicherheit! (Muss kurz überlegen)
Ich weiß nicht. Will ich das erzählen? (lacht)

 

SF:  Sicher willst du.

Clueso:Okay. Das ist dann eher auf die Musik bezogen, wenn Leute sagen, dass sie nicht echt klingt. Wenn sie sagen, es klingt ihnen zu sehr nach Wollen. Das sitzt dann auf jeden Fall. Das kam auch schon ein paar Mal.

 

SF:  Das würde bedeuten, du kannst diese Kritik nachvollziehen.

Clueso: Naja, es gab auch Zeiten, wie zu „Text und Ton“, in denen ich den harten MC markieren wollte. Damals kamen auch Leute aus der Szene an, die gesagt haben, Clueso, du singst immer gerne, mach dir das zu Nutzen. Das ist was, was wir nicht haben. Du bist schön doof.


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