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MICHELLE LEONARD

„Casting-Opfer gibt es nicht“

Seit Michelle Leonard in der Jury der ProSieben-Show „Popstars“ sitzt, kennt ganz Deutschland ihr Gesicht. Was nur die wenigsten wissen: Die Engländerin (36) schreibt seit Jahren Nummer-eins-Songs wie „Love Is You“ für Thomas Godoj – und nun auch für den neuen Kinofilm „Zweiohrküken“ von Til Schweiger. In CASTING sagt sie, was sie über Castingshows denkt und wie auch Du den Traum eines Singer/Songwriters leben kannst. 

SF: Wie hat sich Dein Leben durch „Popstars“ verändert?

M. Leonard: Eigentlich hat sich mein Leben gar nicht verändert. Ich bin immer noch Dozentin an der Popakademie in Köln und Songwriterin. Das einzige Neue ist, dass ich mehr Fanpost bekomme und ab und zu auf der Straße erkannt werde. Nur ab und zu…? Ich gehe oft ungeschminkt aus dem Haus, deshalb erkennt man mich auch nicht so schnell. In den ersten „Popstars“-Folgen war ich schon richtig aufgetakelt [1] . Hast Du Dir vor „Popstars“ Gedanken über das eigene Image gemacht? Man ist gezwungen, sich zu überlegen, wie man sich anzieht. Ich wusste, dass ich da nicht so hin­gehen kann, wie ich jetzt zur Uni laufe. Deshalb habe ich die ganze Klei­dung, die ich bei „Popstars“ tra­ge, selbst ein­gekauft. Wann be­kommt man mal die Möglichkeit, sich mit Mitte 30 wieder so herzurichten? Wenn ich jetzt schon im Fernsehen bin, kaufe ich mir auch die schrillsten Sachen – selbst wenn die Verkäuferin schief guckt. Wie ist das Verhältnis zu Deinen „Pop­stars“-Kollegen? Gab es am Anfang Berührungsängste mit D!, dem Urgestein des Formats? Man muss sagen, dass wir drei komplett unterschiedliche Typen sind.

Ich bin ein­fach anders drauf.
Das Wichtige ist, dass wir auf einen Nenner kommen [2], wenn es um „Popstars“ geht. Wir sind Kollegen. Du bist schon mit 17 Jahren als Songwriterin unter Vertrag genommen wor­den. Wie kam das zustande? Ich wollte eigentlich immer Schauspie­lerin werden und war dabei, mein
eng­lisches Abitur (Anm. d. Red.: Die eng­lischsprachige Ausbildung berechtigt zu einem Studium in England) zu machen. Meinem Vater war das sehr wichtig. Deshalb rate ich auch immer jungen Künstlern, nebenbei die Schule zu beenden. Man muss versuchen, die Musik und die Schule unter ein Dach zu bekommen. Das ist machbar. Eltern sind meist besorgt, wenn ihre Kinder erklären, Schauspieler oder Musiker werden zu wollen. Stimmt. Ich habe immer Musik gemacht und wurde auf der Schauspielschule in England angenommen. Mein Vater wollte aber, dass ich brav mein Abitur mache, und meinte, danach könne ich immer noch nach England gehen. Deshalb habe ich einen Deal mit meinem Vater vereinbart: Ich kann mich auf meine musikalische Karriere konzentrieren – mache aber parallel mein Abi. Wie schafft man es überhaupt mit gerade mal 17 Jahren, von einer großen Plattenfirma einen Vertrag angeboten zu bekommen ? Es hat sich einfach herumgesprochen, dass es da eine sehr junge Songwriterin gibt, die ganz gute Songs schreibt. EMI Publishing hat dann Demos von mir angefordert und mich schließlich unter Vertrag genommen. Mit dem Verlagsvertrag war ich dann auf einmal offizielle Singer-Songwriterin. Woher wusstest Du überhaupt, was auf Dich zukommt? Das wusste ich nicht. Denn den Job gab es ja eigentlich nicht wirklich. Ich musste erst mal hineinwachsen, und das hat Jahre gedauert. Hast Du Dich beim Vertragsabschluss beraten lassen, insbesondere auch von juristischer Seite? Ich habe mir immer schon Juristen gesucht. Ich rate auch immer all meinen Studenten, sich einen Medienanwalt zu suchen. Denn jeder Vertrag in der Musikindustrie ist dafür gemacht, dass ein Anwalt drüberschaut. Welche Gefahren lauern aus Deiner Erfahrung bei einem solchen Vertrag für junge Musiker oder Songwriter? Worauf gilt es zu achten? Es gibt viele verschiedene versteckte Klauseln [1]. Man sollte vor Vertragsabschluss darauf achten, ob die Kosten für das Musikvideo bezahlt werden, wie hoch der Vorschuss [2] ist und wann der einem zusteht. Der Vertrag muss für jeden Künstler maßgeschneidert werden. Dafür sorgt aber ein Medienanwalt. Wie sieht Dein Alltag als Songwriterin aus? Ich habe ein wun­derbar normales, unnormales Leben – aber ohne All­tag. Manch­mal finde ich das auch ein bisschen traurig, denn ich liebe es, mit meiner Familie zusammen aufzustehen. Aber durch meinen Beruf bin ich viel unterwegs. Ich schreibe Songs in Deutschland, in den USA oder auch in Skandinavien. Teilweise arbeite ich auch in meinem Kölner Tonstudio und an der Popakademie. Wie läuft Dein Songwriting genau ab? Es gibt verschiedene Arten, Songs zu schreiben. Ich schaue, was gerade auf dem Markt gebraucht wird, und bestelle dann Leute aus der ganzen Welt ins Tonstudio. Wir besprechen, was uns gerade bewegt und ob wir eine Midtempo- oder Uptempo-Nummer, eine Ballade oder eine Pop-Nummer machen wollen. Als Songwriter kannst Du einfach alles machen. Die Menschen da draußen sind diejenigen, die entscheiden, was geht. Aber als Songwriter bist Du frei. Das ist das Wunderbare an meinem Beruf. Wie bringst Du Deine Songs dann an die Künstler? Ich oder mein Verlag Universal bieten Künstlern die Songs an. Aber viele Produzenten und Künstler rufen mich einfach an. Wenn einer gerade an seinem Album arbeitet und merkt, dass ihm irgendwie noch der Kick fehlt, dann kommt er zu mir – das sind recht viele. Ich frage sie dann, worüber sie schreiben wollen, sammle ihre Ideen und schreibe quasi maßgeschneidert für sie. Ist es schwierig, für fremde Menschen persönliche und authentische Songs zu schreiben? Überhaupt nicht. Die erfolgreichsten Songs von mir sind sicherlich die, die authentisch sind. In jedem Song
steckt eben auch ein Teil von mir drin. Ich gehe au­t­hentisch mit meinen Wörtern und Melodien um. Man übersetzt das, was die Person fühlt, in Worte. Woran erkennst Du, ob jemand musikalisches Talent hat? Noch so einen Liebe-Triebe-Song, in dem diese typischen Wörter wie „missing you“ drin sind, braucht die Welt nicht. Man muss als guter Songwriter mit seinen Gefühlen jonglieren und sie nicht platt hinklatschen. Du hast ja auch den Nummer-eins-Hit „Love Is You“ von Thomas Godoj geschrieben. Wie kam es dazu? Ich war im Fitnessstudio, weil ich mir ab und zu denke, ich sollte mal abnehmen. Während ich mich auf dem Laufband gequält habe, habe ich mir gerne mal „Popstars“ oder „Deutschland sucht den Superstar“ angeschaut. Als ich einen Auftritt von Thomas Godoj bei „DSDS“ sah, dachte ich sofort, dass ich gerne einen Song für ihn schreiben würde. Kurz danach rief mich die Plattenfirma an und erzählte mir, dass sie noch Songs für die letzten vier Kandidaten bräuchten. Da habe ich gleich gesagt, dass ich nur für Thomas schreibe. Danach habe ich mir einige Infos über ihn, wie zum Beispiel seine Stimmfarbe, eingeholt. Wie schreibt man einen Nummer-eins-Hit wie „Love Is You“? An dem Tag, an dem ich ins Studio gefahren bin, wusste ich schon morgens, dass ich einen Hit schreiben würde. Im Studio lag eine „Bild“-Zeitung. Mir fiel auf, dass sie gar nicht mehr ihre Rubrik „Liebe ist…“ hat. Da kam mir dann: „Love is…“ Während ich mir später meine Hände gewaschen habe, habe ich mich gefragt, was ist denn Liebe überhaupt? Ich musste an meinen Ex-Freund denken – und dann hatte ich meinen Titel: „Love Is You“. Casting-Künstler haben bei uns mit einem negativen Image zu kämpfen. Ja, die Menschen beurteilen nicht den Song. Sobald ihn ein Casting-Künstler singt, ist der Song schlecht. Wird der gleiche Song aber in einem anderen Land von einem anerkannten Künstler gesungen, ist auch der Song plötzlich weltklasse [1]. Hast Du in der Beziehung eine konkrete Erfahrung machen müssen? Ja, mit Mike Leon Grosch. Ich habe dem „DSDS“-Kandidaten die Nummer „Don’t Let It Get You Down“ geschrieben. Doch die Plattenfirma meinte, die Nummer sei viel zu schwierig für den deutschen Markt. Als dann eine amerikanische Plattenfirma wegen des Songs ein Riesen-Meeting einberief und meinte, „Der Song ist die Bombe“, wollten sie ihn dann doch in Deutschland. Wie viel verdient man eigentlich mit einem Nummer-eins-Hit? Thomas Godoj hat sicher mehr verdient als ich. Das kann ich ruhig offen sagen. „Star Search“-Gewinner Martin Kesici rechnet in seinem Buch „Sex, Drugs & Casting-Shows“ mit dem Genre ab. Kannst Du das nachvollziehen? Diese ganzen Beschwerden der Casting-Teilnehmer, die sich als arme Opfer hinstellen, nerven. Ich kann Dir sagen, das ist alles Quatsch. Die Kandidaten haben unglaubliche Auftrittsmöglichkeiten, ei-
ne Plattform vor einem Millionenpublikum, eine PR-Maschinerie und jeden Monat ihr Festgehalt [2]. Wenn sie nicht total auf den Kopf gefallen sind, haben sie ein gutes Leben. Ich kenne Casting-Gewinner, die mit Mitte 20 eine Eigentumswohnung haben und in den besten Hotels schlafen. Wer kann das schon heute? Andere Künstler tuckern mit ihrem kaputten Tourbus jahrelang quer durch Deutschland und spielen sich die Finger wund. Das sehen die Leute einfach nicht. Man sollte respektvoll mit dem Sieg in einer Castingshow umgehen, die Finger von Alkohol und Drogen lassen und sich nicht mit Frauen treffen, die sowieso nur mit einem zusammen sind, weil sie berühmt werden wollen. Zurück zu Deiner Musik: Du nimmst gerade ein eigenes Album auf. Ja, das war schon vor „Popstars“ in der Mache. Ich hatte einige Songs geschrieben, die sehr persönlich waren. Meine Plattenfirma Universal wollte unbedingt, dass ich sie selbst singe. Dabei hatte ich mich vom Thema „Bühne“ verabschiedet. Til Schweiger hat mich kontaktiert und gesagt, dass er meine Stimme ganz toll findet und wollte, dass ich einen Song für den Kinofilm „Zweiohrküken“ schreibe. Der Song heißt „Where Did We Go Wrong“ und erscheint im November. Ein bekannter Sänger hat mir übrigens gerade geschrieben: Er will, dass ich
einen Song für ihn schreibe… Wer denn? Lasst Euch überraschen.


#MichelleLeonard #Popstars #SingerSongwriter